In eigener Sache


Ich kenne nicht viele Journalisten, die es zulassen würden, dass ein Artikel über ihre eigene goldene Hochzeit in der Zeitung veröffentlicht wird. Mal ganz abgesehen davon, dass ich wenig Journalisten kenne, die je goldene Hochzeit gefeiert hätten. Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt. Was ich sagen will: So selbstverständlich, wie Journalisten über andere Menschen schreiben, und so gern sie etwas von sich in der Zeitung sehen, so ungern lesen sie etwas über sich, das andere geschrieben haben. Aus der Rolle des Beobachters und Bewerters wechseln zu sollen in die des Beobachteten und Bewerteten – da wird es vielen von ihnen unbehaglich.


Was geht es die Leute an, wer ich bin?



Natürlich gibt es Ausnahmen, gibt es jene Diven, Paradiesvögel und Exhibitionisten der Branche, denen es nicht genug ist, mit guter Schreibe und knallharter Recherche zu glänzen und ab und zu einen Journalistenpreis abzuräumen. Man kennt sie aus Talkshows, wo sie zum Beispiel Jörges, Di Lorenzo, Leyendecker oder Friedmann heißen, oder aus der Werbung, wo sie „Fakten, Fakten, Fakten“, vor allem aber sich selbst verkaufen. Die meisten Angeber mit Hang, sich als solche zu outen, findet man auf Lifestyle- und Motorseiten, wo sie von den besten Rotweinen, den teuersten Zigarren, den feinsten Hotels und schnellsten Autos schwadronieren, die sie sich von ihrem Redakteursgehalt vermutlich gar nicht leisten können, aber ausprobieren dürfen, weil sie für ein bedeutendes Blatt schreiben. Ansonsten aber gilt in Journalistenkreisen eher: Was geht es die Leute an, wer ich bin? Was ich privat treibe? Welche Vorlieben ich habe? Wie es mir geht?


Andere Leute so etwas zu fragen – kein Problem. Aus einer politischen Debatte mal eben zu schreiben, Politiker A habe keine gute Figur gemacht, er sei bei der Befragung ins Schwitzen gekommen, das Publikum habe ihn ausgelacht – das muss er aushalten können. Dem Trainer B zu bescheinigen, er sei ein Würstchen, weil er sich immer vom Präsidenten des Fußballvereins reinreden lasse – so what? Wozu bewirbt er sich auf den Schleudersitz? Über die Alkoholfahrt einer Ratsfrau zu berichten – na und? Ist sie nicht relative Person der Zeitgeschichte, wie das im Presserecht heißt?

Ein großer Mann mit einem mächtigen Bauch



Der Spiegel veröffentlichte jüngst eine Reportage über deutsche Touristen im Ausland und beschrieb dort einen einfachen deutschen Handwerksmeister auf einem spanischen Campingplatz. Durchaus nicht unfreundlich. Aber ob der Betroffene, nachdem er mit dem Spiegel-Redakteur gesprochen hatte, wirklich damit rechnen musste, unter voller Namensnennung mit folgendem Satz einem Millionenpublikum beschrieben zu werden? „Er ist ein großer Mann mit einem mächtigen Bauch, der den größten Teil seines Urlaubs in einer knappen, rot-weißen Badehose verbringt.“

Es kann nicht schaden, wenn Journalisten sich ab und zu fragen, ob sie von sich selbst lesen möchten, was sie über andere schreiben. Natürlich finde ich es als Journalist selbstverständlich, dass die Zeitungen – auch meine eigene – in der vergangenen Woche berichtet haben, dass Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen nach einem Kreislaufkollaps eine Veranstaltung verlassen und sich in ärztliche Behandlung begeben musste. Es war schließlich ein öffentlicher Auftritt.

Mir selbst ist es kürzlich genauso ergangen, gleich zweimal. Die Zeitung hat darüber berichtet, und es war in Ordnung, dass es geschrieben wurde. Aber gut fühlt sich das nicht an ...  

Helmut Burlager / 29.08.2011

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